Warnung: Diese Meinungskritik enthält Details über den Plot des Buches.
Man nehme zwei wage beschriebene Liebesgeschichten, halbgare Road-Trip-Elemente, eine Handvoll Ortsnamen einer literarisch wenig aufgearbeiteten Region, ein bis zwei Ekelszenen rund um Körperflüssigkeiten, etwas Pornographie, Drogen und Gewalt, gieße das ganze in absichtlich plumpe Sprache und gebe den so entstandenen Brei in eine gut eingeölte Borg-Textform, wie man sie aus dem Internet kennt, mit etwa einem Absatz pro Seite.
So entsteht das Buch „Paradiso” von Thomas Klupp.
Der Protagonist, aus dessen Ego-Perspektive (mit EGO in Großbuchstaben) erzählt wird, steht auf den ersten Seiten des Buches an einer Autobahntankstelle und wartet auf seine Mitfahrgelegenheit. Er möchte nach München um mit seiner Freundin in den Urlaub zu fliegen. Da diese jedoch sein Auto zu Schrott gefahren hat, kommt er nur so dort hin.
Aufgrund seiner Ungeduld wartet er nicht auf das richtige Auto sondern wird von einem alten Freund, der sich eher als Feind entpuppt, mitgenommen, so dass er letztendlich durch Zufall in die Nähe seiner alten Heimat, Weiden in der Oberpfalz kommt. Dieser Road-Trip wird gewürzt durch eine recht sinnfrei erscheinende Szene in einem Autobahn-Pornoladen, ein Gespräch mit einem zum Wahren Glauben bekehrten Lastwagenfahrer und eine wahnsinnige -dafür junge und hübsche- Hippy-Tante.
Dort schnappt er zufällig auf, dass gerade an diesem Tag die angesagteste Party der ganzen Region, das sogenannte „Filterwochenende” am Steinbruchsee „Paradiso” bei Hirschau stattfindet. Da ich recht jämmerlich einsam bin und kaum ein Sozialleben habe, kann ich nicht sagen, ob es dieses Wochenende wirklich gibt. Gehört habe ich davon noch nie.
Er fährt dort hin, dröhnt sich mit dort zu Spottpreisen angebotenem Speed und Gras zu, schläft schnell mit seiner Ex-Freunding und schlägt seinen besten Freund krankenhausreif, wenn nicht sogar tot.
Danach fährt er das Auto seines Vaters auf dem Weg nach München im Drogenrausch zu Schrott, schafft es aber dennoch -mit der Hilfe der katholischen Kirche und einem der berühmten Münchner Parkplatz-Bauern- rechtzeitig zum Flughafen.
Im Klappentext des Buches wird von dem Protagonisten gesagt, er sein ein „Blender im Hier und Jetzt” und „spricht aus was [die Leser] schon immer fühlten, aber nie zu denken wagten”.
Ich weiß nicht welches Buch die Autoren dieser Texte gelesen habe, aber scheinbar nicht das gleiche wie ich. Ich empfand „Paradiso” als die Geschichte eines unglaublich schlechten Lügners, welcher zum großen Teil Dinge denkt, welche viele an Stammtischen aussprechen, aber wahrscheinlich von den wenigsten Lesern jemals so empfunden werden.
Man nimmt es der Hauptperson nicht besonders gut ab, ein Blender zu sein, also jemand, der sein Leben auf einem komplexen Geflecht aus Lügen und Schein aufbaut. Zwar lügt er in jedem Gespräch das Blaue vom Himmel herunter, doch sind diese Geschichten plump und für die Belogenen oft nachprüfbar. Sein ganzes Gebäude aus Geschichten und Unwahrheiten, welches im Buche gerade im Zerfall begriffen ist, erscheint so wackelig, dass man es nur schwer glauben kann, dass er sich mit dieser Einstellung bisher noch nicht in die Nesseln gesetzt hat.
Es scheint so zu sein, dass Klupp seinen Protagonisten als vollkommen Anthihelden, als unmoralisches Schwein und Arschloch hinstellen wollte. Ich meine, dass es ihm höchstens halbwegs gelungen ist. Vielleicht habe ich andere Vorstellungen von der Moral als der Autor, aber auf mich macht dieser Böhm keinen großartigen Eindruck. Ja, der Hauptcharakter ist ein Arschloch, aber nicht viel mehr. Der versprochene „Sog aus Amoralität, Lügen und Schamlosigkeit” ist in Wirklichkeit ein relativ harmloser Papiertiger. Zwar sind einige Szenen wirklich sehr explizit und auch etwas unappetitlich, aber nicht schockierend. Vielleicht hätte das Buch in den sechzigern Aufsehen erregt. Ich weiß es nicht.
Der Protagonist handelt nach seinem bestmöglichen Vorteil, ist aber nicht besonders gut darin, so dass er nur kurzlebigen Erfolg hat. Seine Meinungen und Gedanken sind sehr wankelmütig, lassen sich aber grob in die Richtung Reaktionär einordnen.
Sein größtes moralische Dilemma in dem Buch scheint zu sein, dass er sich nicht entscheiden kann, ob er seine Freundin am Flughafen sitzen lassen und zu seiner Ex zurück soll, oder alles wie geplant ablaufen lässt. Zusätzlich möchte er wohl seinem besten Freund im nicht sexuellen Sinne seine Liebe gestehen, versucht ihn aber dann umzubringen, da er bemerkt, dass dieser der einzige ist, welcher seine Blender-Natur kennt und ans Tageslicht bringen will.
Der Autor muss ja eine sehr schlechte Meinung von der Menschenkenntnis der Menschen haben, wenn er glaubt, dass nur ein sehr enger Kindheitsfreund einen solch hochtrabenden und plumpen Lügner entlarven könnte.
Das Drogenproblem dieses jungen Filmstudenten erscheint etwas aufgesetzt. Es wird erst gegen Ende des Buches erwähnt und spielte zuvor überhaupt keine Rolle. Ich hatte ihn zunächst für einen gelegentlichen Kiffer, wie es wohl die meisten Studenten sind, gehalten, aber die Art wie er sich dann auf das angebotene Speed stürzt, sagt etwas anderes aus.
Die gesamte Kette der Ereignisse des Buches ist relativ zufällig und besteht aus Erinnerungsbrocken, Gedanken und aktuellen Geschehnissen, die dem Protagonisten zustoßen. Als Roter Faden dient die mehr oder weniger unfreiwillig mit Umwegen behaftete Reise von der Tankstelle nach München, wobei der Höhepunkt des Spannungsbogen sehr klassisch in den letzten Seiten vor dem Ende konzentriert ist und dort dann auch absackt.
Der Autor schreibt im Präsens und verzichtet vollkommen auf wörtliche Rede. Zusätzlich macht er, wie ich bereits erwähnt habe, nur ein Minimum an Absätzen, was ich persönlich als relativ störend für die Lesbarkeit erachte. Andererseits gleicht er diesen Makel durch sehr kurze Sätze und eine schnörkellose, man möchte sagen, primitive Sprache wieder aus.
Ich für meinen Teil kann eine solche Schreibweise nicht besonders leiden, was der Grund sein kann, dass ich vor moderner Literatur häufig zurückschrecke. Ich kann es dem Autor jedoch nicht als Mangel anrechnen
Zusammenfassend komme ich zu dem Schluss, dass Thomas Klupp mit „Paradiso” versucht hat, „Faserland” von Christian Kracht in die Oberpfalz zu versetzten. Im Gegensatz zu diesem Buch ist er die Sache aber eher harmlos angegangen und kann auch mit seinen auf widerwärtig oder pornographisch (-dieses Wort benutze ich hier nicht unbedingt im negativen Sinne, aber „erotisch” wäre das grundfalsche Wort-) geschnittenen Szenen nicht annähernd an diesen Eindruck heranreichen.
Direkt vergleichen lassen sich die Bücher allerdings nicht, schließlich wird mit einer vollkommen unterschiedlichen Grundlage gerabeitet. In „Faserland” -welches mir im übrigen auch überhaupt nicht gefallen hat- ist es die Hoffnungslosigkeit, in „Paradiso” die Unfähigkeit eines einzelnen. Darin liegt allerdings auch der Hund begraben. Was kann der Leser aus einer Geschichte ziehen, die sich einzig und allein um einen sehr ungeschickten Menschen dreht, dem es allein aus seiner eigenen Schuld heraus nicht möglich ist, sein Leben im Griff zu halten? Dieser Mensch kann nicht einmal als schlechtes Beispiel dienen, da die Aneinanderreihung der Ereignisse aufs höchste Unwahrscheinlich ist. Selbst wenn man voraussetzt, dass der Autor vieles aus seinem eigenen Leben eingebracht hat, so ist der Ablauf unglaubwürdig und die Reaktionen des Protagonisten sind selten nachvollziehbar.
Das Buch kann vielleicht als zu egozentrisch betrachtet werden um viele Menschen in ihrem eigenen Empfinden anzusprechen
So wirkt das ganze sehr ziellos, man ist sich nicht sicher, auf welche Aussage der Autor hinaus will, oder ob es überhaupt eine solche geben soll. Gleichzeitig fehlt mir persönlich auf jeder Berührungspunkt zu den Personen und Begebenheiten des Buches, so dass ich überhaupt keinen Anreiz dazu habe, einen Schluss daraus zu ziehen.
Die Oberpfalz ist in diesem Buch nichts weiter als eine Kulisse aus Ortsnamen und Pappmaché. Die Handlung könnte überall stattfindend. Es wäre kein Problem das ganze, sagen wir nach Brügge zu verlegen. Dies ist natürlich nicht unbedingt schlimm, aber da ein Großteil der Leser das Buch gekauft haben wird, weil es eben in ihrer Heimat spielt, könnten doch viele Leute etwas enttäuscht sein.
Nach einer so vernichtenden Kritik muss ich sagen, dass ich solche Bücher für gewöhnlich gar nicht lese. Mein Vater hat es mir geliehen.
Am besten einfach selbst ein Bild davon machen.