In meiner allgemein sehr schlechten momentanen Stimmung kam mir folgender Traum wieder in den Sinn:
Für eine Übung in Volkskunde musste ich die Biblothek eines pathologischen Instituts aufsuchen. Man wies mich darauf hin, dass ich diese Räumlichkeit in einem Bereich des Gebäudes finden würde, von welchem man gemeinhin als „Wilden Jäger” spräche.
Mit einem etwas flauen Gefühl im Magen machte ich mich also an einem sonnigen, lauen Morgen zu besagtem Institut auf.
Das Gebäude lag mitten in der Stadt und ich wunderte mich, es noch niemals bemerkt zu haben, handelte es sich doch um einen riesigen, aus mehreren Trakten bestehenden barocken Palast. Dieses sandsteingraue, flache und verschnörkelte Gebäude war von einem ebenso ausladenden, aber bis auf einige Straßenlaternen vollkommen leeren Platz umgeben. Dieser war extrem ungepflegt, die Granitplfastersteine waren lose und unregelmäßig verteilt, so dass das vorankommen anstrengend war. Hin und wieder zeugten große Flecken schlecht verteilten roten Sandes davon, dass man mit Reperaturarbeiten begonnen hatte, aber sie aus irgendeinem Grunde wieder abgebrochen hatte.
Ich erreichte schließlich den linken Seitenflügel der Frontseite. Aus irgendeinem Grund erschien es mit nicht richtig durch das große Portal im Zentrum zu gehen, darum trat ich dort ein. Sofort als ich den schweren hölzernen Türflügel aufgestoßen hatte, drang mit ein unangenehmer Geruch entgegen. Er war nicht wirderlich oder gar brechreizerregend an sich, handelte es sich doch nur um einen leicht modrigen Ton, welcher an feuchte, alte Polstermöbel errinerte, verbunden mit einer leicht chemischen Note, wie man sie aus den Versuchsräumen von Schulen kennt. Verbunden jedoch mit dem Wissen, wovon diese Aromen stammten, ging er mir in Mark und Bein. Das erwähnte leichte flaue Gefühl wich rasch tiefer Furcht und dem Unwillen auch nur einen einzigen weiteren Schritt zu machen. Hinzu kam plötzlich die bleierne, hilflose Müdigkeit, die mich oft in Träumen begleitet und mich manchmal mit solcher Macht umfängt, dass ich nicht einmal im Angesicht des drohenden Todes fliehen kann.
Trotz allem wusste ich, dass ich weitergehen musste und ich wollte es auch in einem gewissen Sinne, da ich viel gutes über die besagte Bibliothek gehört hatte. Der Vorraum welchen in nun betrat war durch die hohen Fenster mit quadratischer Bleirutenverglasung an der Türseite gut ausgeleuchtet. Die hohen Wände wahren säuberlich weiß gekalkt, während der Boden aus teilweise sehr stark beschädigten Granitplatten bestand. Diese wahren rau und ausgetreten, manche sogar gesplittert. Rechts von mir führte eine breite geschwungene Treppe mit Geländer aus dem selben Stein zu einem hellen Bogendurchgang im oberen Stockwerk.. Von dieser türlosen Pforte aus wölbte sich ein halber Bogen über die Gesamtheit der Decke und verschwand auf der Seite links von mir in der Wand. Durch diesen Bogen war als die mit gegenüberliegende Raumseite deutlich niedriger als dort, wo ich gerade stand. Dort waren links und rechts je eine Tür angebracht. Eine hohe an der linken Wand und eine kleine, unscheinbare Kellertür an der Flanke der Treppe. Direkt links neben der Eingangspforte stand eine Art Skulptur, von welcher ich aus meinem Blickwinkel aber nur etwas erkennen konnte, das wie eine blaue Wand wirkte, die bis zur Decke aufragte. Da von diesem Objekt ein besonders scharfer Geruch oder eine unbeschreibliche aber spürbare Aura des Schreckens ausging, untersuchte ich es nicht genauer.
Ich wusste nicht, wohin ich gehen musste, doch meine auch im wachen Zustand bestehende Scheu, unbekannte und fremde Türen zu öffnen leitete mich zwangsläufig die Treppe hinauf in den ersten Stock. Von dort her drangen die Töne einer fröhlich wirkenden Opernaufnahme herab. Vielleicht etwas aus der Zauberflöte.
Als ich auf halbem Wege emporgeklommen war, hörte ich wie sich unten die Tür auf der linken Seite öffnete. Ich blickte hinab und sah, wie ein hochgewachsener, stämmiger Glatzkopf einen Art Bahre durch den Raum zur Tür in der Treppenflanke schob. Er trug eine blaue Hose und eine ebensolche Kitteljacke über einem grünen, fleckigen Hemd. Sein Kopf war leicht auf die Seite geneigt, seine Augen halb geschlossen und leer, während sein Mund halb offen stand. Er schlurfte hinkend und hatte offensichtlich schier übermenschliche Kräfte, da er es schaffte eine so schwere Bahre über den löchrigen Fußboden zu schieben, ohne dass diese auch nur einmal hängen blieb oder wackelte.
Die Bahre lief auf Rollen, die ich nicht erkennen konnte, da ihr Fußteil mit blauem Tuch verhangen war. Die Auflage bestand jedoch aus einer massiven, etwa 30 Zentimeter dicken Granitplatte, welche einen grob anthropomorphen Umriss hatte. In sie war in der selben Form eine Mulde geschnitten, in welcher ein in ebenfalls blaues Tuch gewickelter Körper lag. Ich konnte keine Einzelheiten des so verhüllten Leichnahms erkennen, doch sah ich wie sich dunkle Flecken auf dem Tuch ausgebreitet hatten und sogar in größerem Umfang in den porösen Stein der Unterlage gesickert waren.
Schnell wandte ich mich ab und setzte meinen Weg nach oben fort. Fast am Gipfel der Treppe angekommen, konnte ich erkennen, das geradeaus ein Gang verlief, welcher von mehreren Fenstern auf der linken Seite flankiert war. Dort musste sich wohl ein Innenhof befinden, da das Gebäude an diese Stelle eigentlich wesentlich breiter war. Als ich ganz nach Links blickte, bemerkte ich einen offenen Zugang zu einem hoch aufragenden, runden Raum, welcher mit einem stuckverzierten Kuppeldach abschloss. Die Wände waren von Bücherregalen flankiert, so dass ich glaubte mein Ziel erreicht zu haben.
Als ich etwas mehr um die Ecke blickte bemerkte ich jedoch einen jungen Mann in einem braunen Kittel, welcher vor einer baugleichen Bahre stand, zu den Klängen der Oper pfiff und offensichtlich an etwas mit einem Skalpell arbeitete. Links von ihm, für mich kaum noch einsehbar, machte ich eine weitere Skulptur aus. Das wenige, was ich an ihr erkennen konnte, trieb mir das Entsetzen in die Knochen:
Eine Art moosbewachsene Felsnadel oder ein dicker Baumstamm mit angesetzten Steinen und Stuckwolken war umringt von einer Schar nackter, gelbhäutiger Gestalten, welche sich teilweise in weiße Tücher hüllten. In den Posen klassischer Statuen strebten sie an dem unregelmäßigen Pfeiler nach oben, verschiedene Attribute in den Händen halten und teilweise aus dem Felsen selbst hervorbrechend. Sie alle wollte scheinbar eine Art Wolke, vielleicht den Olymp, wie es mir in den Sinn kam, erreichen. Das entsetzliche an diesem Reigen war, dass alle Körper aus auf perverse Weise verdrehten und verstümmelten Leichen, welche man wohl mit Wachs plastiniert hatte, bestanden.
Ich konnte keinen Schritt mehr gehen und blieb auf dem Treppenabsatz zurück. In mir entstand die Erkenntnis, dass es nicht nur mehrere dieser grausigen Bildnisse im gesamten Institut geben musste, sondern, dass die Bezeichnung der einzelnen Trackte wohl nach den dort ausgestellten Skulpturen erfolgte.
Schließlich brachte ich dennoch meinen letzten Mut zusammen und rief dem Mann mit am Sektionstisch zu ob er mit freundlicherweise sagen könne, wie ich von hier aus zum „Wilden Jäger” gelangen würde. Er drehte sich um, lächelte höflich und wies mich an den runden Raum zu durchqueren, wo ich eine von meiner Position nicht sichtbare Tür finde würde. Diese ging hinaus in sein Büro und von dort aus auf dem Flur zum „Wilden Jäger”.
Doch wie konnte ich den Raum durchqueren? Ich würde nicht nur die Leiche auf seinem Sektionstisch sehen -welche mir im Übrigen kaum Angst machte, ging hier doch alles mit logischem, wissenschaftlichen Interesse zu- sondern auch die Stele in ihrer Gesamtheit erblicken und schließlich auch den „Wilden Jäger” auf dem Flur sehen. Dies konnte ich nicht. Ich verabschiedete mich also höflich und trat den Rückweg an.
Ende des ersten Teils.
Post scriptum: Da der Host meiner Webseite von Google mit dem Vermerk "Diese Webseite kann ihren Computer beschädigen" versehen wurde, suche ich nun einen neuen. Informationen werden dankbar angenommen.
Keine Lust mehr. Auf gar nichts.